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Neue Ansätze in der geschlechterbezogenen Gesundheitsvorsorge

3. September 2003, Landtag Mainz
Auf Einladung der SPD-Fraktion in Rheinland-Pfalz fand im Landtag Mainz eine Anhörung zu geschlechtsspezifischen Gesundheitsaspekten statt. Nachfolgend die Stellungnahme der Women's Health Coalition e.V.
 
"Warum ist eine geschlechtsspezifische Medizin notwendig?"
 
Einige Beispiele:
 
Dosisfindungsstudien bei neuen Medikamenten:
Die Norm: der Mann, jung, 75 kg schwer und weiß. Obwohl bekannt ist, dass
 
  1. Frauen teilweise anders auf Medikamente in ihrem Körper reagieren.
  2. Der Fettanteil im Körpergewebe bei Frauen höher ist. Daher können fettlösliche Medikamente besser gespeichert werden als bei Männern.
  3. Bei Frauen es daher oft zur Überdosierung kommt.
  4. Frauen ein geringeres Körpergewicht haben. Arznei hat weniger Raum sich zu verteilen, Wirkmenge pro Ort ist grösser.
  5. Dosierungsempfehlungen für Frauen häufig zu hoch sind.
 
Forschung mit der Hälfte der Gesellschaft für die Hälfte der Gesellschaft, den Mann, die Norm....??? Ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.....!
 
Unterschiedliche Wirkweisen bei Medikamenten:
In der Pharmakokinetik (Verteilung der Substanz im Körper und deren Ausscheidung): Diazepam, Oxazepam, Temazepam, Alprazalon, alles Beruhigungsmittel, die von Frauen häufiger eingenommen werden als von Männern.
 
In der Pharmakodynamik (Dosis-Wirkung-Beziehung):
z.B. Quinidine, ein Medikament gegen Herzrhythmusstörungen.
 
In der klinischen Wirksamkeit:
z.B.Zoloft (Sertraline), ein Antidepressivum
 
Anteil von Frauen in klinischen Studien:
 
  1. 1993 Verfügung des National Institute of Health (NIH) in USA, Frauen in klinische Studien einzubeziehen.
  2. Systematische Analyse aller Artikel (Original-Artikel), die im The New England Journal of Medicine von 1994 bis 1999 erschienen sind: Analyse von insgesamt 1322 Originalartikeln, bezogen auf 120 Studien.
  3. Ergebnis: Anteil von Frauen im Durchschnitt in diesen Studien 24,6 %. Eine geschlechtsspezifische Analyse nur in 14 % der Studien vorgenommen.
  4. 2001 neue Guidelines des NIH, Analysen nach Geschlecht und anderen Untergruppen zu ermöglichen.
 
Ob es Unterschiede oder auch Ähnlichkeiten in Studienergebnissen bei Männern oder Frauen gibt, kann man aber nur dann sagen, wenn man sie untersucht und analysiert hat.
 
Heute wird die Notwendigkeit einer geschlechtsspezifischen Gesundheitsforschung, Aus- und Weiterbildung und Versorgung durch das Engagement vieler Gruppierungen - zumindest als Konzept - anerkannt.
 
Bericht zur gesundheitlichen Situation von Frauen in Deutschland,
Herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2001
 
  1. Unterschiede hinsichtlich Krankheiten und gesundheitlicher Einschränkungen. Beispiele: Frauen erkranken 2 bis 3 mal häufiger an Depressionen, 12 mal häufiger an Magersucht, 80 % der Osteoporosepatienten sind Frauen, bei Brustkrebs über 90 %.
  2. Unterschiedliche Arbeits- und Lebensbedingungen, Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit.
  3. Unterschiede hinsichtlich körperlich-biologischer Bedingungen: reproduktive Gesundheit, hormonelle Faktoren, chronische Erkrankungen, z.B. Herz-und Kreislauferkrankungen und Brustkrebs.
  4. Unterschiedliches Vorsorgeverhalten.
  5. Unterschiedliche Inanspruchnahme von Versorgungsangeboten: Frauen erhalten mehr psychotrope Medikamente als Männer.
 
Aktivitäten in der Politik
 
  • Anträge im Deutschen Bundestag zur geschlechtsspezifischen Gesundheitsversorgung:
  1. Antrag der SPD/Grünen "Frauenspezifische Gesundheitsversorgung" 2001
  2. Antrag der CDU/CSU "Konkrete Gesundheitspolitik für Frauen" ,2001
Anhörung im Bundesausschuss für Gesundheit: u.a. auch Vertreterinnen von Frauen- und Selbsthilfeorganisationen.
  • 2002 Einstimmiger Beschluss aller Parteien im Deutschen Bundestag: Einführung eines flächendeckenden, qualitätsgesicherten Mammographie-Screenings nach EU-Leitlinien ab 2003 (Altersgruppe 50 bis 69 Jahre).
 
Ein komplexes Problem:
 
"Warum sind Frauenherzen in der Medizin noch nicht angekommen?"
 
Begründung und Fakten:
 
  1. Herzerkrankungen sind Haupttodesursache bei Frauen, in der Öffentlichkeit nicht ausreichend bekannt.
  2. Frauen zeigen beim Herzinfarkt zum Teil andere Symptome als Männer.
  3. Frauen werden nach einem Herzinfarkt ca. eine Stunde später als Männer in die Klinik eingewiesen.
  4. Frauen werden bei Herzerkrankungen eher ältere und billigere Medikamente verordnet.
  5. Frauen sind im Durchschnitt 10 bis 15 Jahre älter, wenn sie ihren 1. Herzinfarkt erleiden. Bis zum Beginn der Wechseljahre (50 Jahre) sind Frauen weitgehend vor einem Herzinfarkt geschützt, es sei denn sie rauchen stark. Danach steigt die Herzinfarktrate bei Frauen steil an.
  6. Risikofaktoren für Herzerkrankungen steigen nach den Wechseljahren an: Im Alter von 55 bis 64 Jahren: 37 % der Frauen haben einen hohen Blutdruck, 31 % sind stark übergewichtig, 24 % haben zu hohe Blutfettwerte, 10 % sind Raucherinnen, 6 % sind Diabetikerinnen. Im Alter von 65 bis 74 Jahren: jede 2. Frau hat einen zu hohen Blutdruck, 37 % sind stark übergewichtig, 25 % haben einen zu hohen Fettstoffwechsel, 8 % sind Raucherinnen, und 11 % sind Diabetikerinnen.
  7. Diabetes allein ist bereits ein hoher Risikofaktor für Herzerkrankungen, insbesondere bei Frauen: 6-fach bei Diabetikerinnen, 4-fach bei Diabetikern für Herzinfarkt.
 
Es kommt allerdings noch ein wesentlicher Faktor dazu:
 
Die "schicksalhafte Verstrickung" von Einzelfaktoren oder "die fatale Kette von Ereignissen"!
 
  1. Unwissen bei Frauen und Ärzten,
  2. Die unterschiedlichen Risikofaktoren und ihre Bedeutung,
  3. Die unterschiedlichen Symptome, "stumme" Herzinfarkte
  4. Unterschiede in der sozialen Situation (viele Frauen leben allein),
  5. Das Rollenverständnis Frauen, "Familie geht vor"
  6. Die unterschiedlichen therapeutischen Ansätze (Frauen sind ca. 10-15 Jahre älter beim 1. Herzinfarkt)
  7. Unterschiede in der Inanspruchnahme und Dauer in der Nachsorge,
  8. Unterschiede in der Inanspruchnahme von Selbsthilfegruppen.
 
Einsatz von Medikamenten bei Herzerkrankungen:
Quelle: Barmer Ersatzkasse
 
Daten: Monat Januar 2001 - 2 Beispiele:
 
  1. Beispiel: ACE-Hemmer (Bluthochdruck)

    720 Euro pro 1000 versicherte Männer/Patient
    553 Euro pro 1000 versicherte Frauen/Patient
    = - 23 % weniger
  2. Beispiel: Statine (Cholesterinsenker)

    1.658 Euro pro 1000 versicherte Männer/Patient
    1.164 Euro pro 1000 versicherte Frauen/Patient
    = - 30 % weniger
 
Diese Zahlen sprechen für sich!
 
Geschlechtsspezifische Organisationen in USA
American Heart Association
FDA Office of Women's Health
U.S. Public Health Service Office on Women's Healt
Older Women's League
 
Zusammenfassung:
 
  1. Am Beispiel der Herzerkrankungen lässt sich zeigen, dass wir mehr geschlechtspezifische Forschung, einschliessslich Versorgungsforschung benötigen, und zwar durch ein unabhängiges Forschungsinstitut.
  2. Wir benötigen eine geschlechtsspezifische Berichterstattung in den Medien, in den Ministerien, Kassen, Ärztlich-wissenschaftlichen Gesellschaften.
  3. Zulassung von Medikamenten: Geschlechtsspezifische Besonderheiten in den Beipackzetteln .
  4. Berücksichtigung einer geschlechtspezifischen Medizin in der Ausbildung, Weiterbildung und Versorgung für Ärzte/Ärztinnen und medizinisches Fachpersonal.
  5. Berücksichtigung geschlechtspezifischer Ansätze bei Leitlinien, Disease Management Programmen, z.B. bei Diabetes - bisher noch nicht berücksichtigt.
  6. Erkenntnisse über geschlechstsspezifische Besonderheiten nicht nur sammeln, sondern auch in die Praxis implementieren.